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Dany28

Fortgeschrittener

1

Montag, 1. Juni 2009, 13:33

Bio wahrheit

Vor wenigen Wochen wurde ich geboren. Ich war ein Ei und abertausenden, gereiht in einen metallen Kasten, steril und lieblos wärmte ein künstliches Licht die zerbrechliche Hülle meines ersten Zu Hauses.
Als ich die Kraft hatte, die Schale meiner kleinen Welt zu zerbrechen, packten mich auch schon 2 Hände, unsanft und ohne Zuneigung. Das Fluchen des Arbeiters waren die ersten menschlichen Laute, welche ich in meinem neuen Leben vernahm. Der Geruch ihrer groben Körper, die Ausdünstung von Alkohol, ließ mich erschaudern. Einige meiner Brüder und Schwestern sollten schon diese ersten Stunden nicht überleben. Geboren in eine Welt, welche sie als nichts anders als eine Nahrungsreserve betrachtete, ihnen Geist und Verstand absprach, als ‚Nutz'tier bezeichnete; das irdische Dasein hatte sie genau so schnell fallen lassen, wie sie sie hervorgebracht hatte. Ihr Sterben war ein einsames, ein unbeweintes, nicht mehr als ein Ausfall einer Produkteinheit.
Ich hörte jemanden sagen wir Kinder hätten großes Glück gehabt, wir wären in einen Bio-Betrieb hineingeboren worden. Bio? Was sollte das wohl bedeuten? Ich wusste es nicht, aber wenn der Arbeiter meinte, wir hätten Glück, dann würde es wohl was Gutes sein...
In den ersten Stunden meines Daseins suchte ich verzweifelt nach meiner Mutter, wollte mich an sie schmiegen, flehte nach nur ein bisschen mütterlicher Zuneigung und Geborgenheit; doch da war niemand, an dem ich mich hätte anlehnen können, der mich beschützte, mich sanft unter die Flügel nahm und mir diese schreckliche Einsamkeit nehmen konnte - trotz Bio.
Bald wurde ich in einer Box mit hunderten meiner Brüder und Schwestern in einen Raum gebracht, wo man mich auf Gitter setzte. Mein ganzes Sein, meine ganze Seele sehnte sich nach Wasser, statt dessen beherrschte abermals Metall mein gesamtes Umfeld - trotz Bio.
Die Gitter taten schrecklich weh, meine Füße, mit feinen Schwimmhäuten ausgestattet, zum Baden geboren, entzündeten sich an der Härte des Metalls. Auch hier sah ich viele meiner Brüder und Schwestern sterben, sie lagen am Morgen einfach da, regungslos. Oft lagen sie Tage lang vor unseren Augen, bis ihre kleinen Körper in sich zerfielen. Sie wurden irgend wann eingesammelt, achtlos, so als ob niemals Leben in ihren Leibern gesteckt hätte - trotz Bio.



Eines Tages, die Tür hatte sich geöffnet und flinke Hände griffen nach uns, wurden wir in einen großen Raum gebracht, wo schon tausende der Unseren angstvoll in den Ecken gedrängt warteten. Anfangs wussten wir nicht, was da mit uns geschehen sollte; zu unseren Füßen lag duftendes Etwas, gelbe Halme, unendlich weich im Gegensatz zu den verdammten Gittern, wo wir so lange Zeit so viele Qualen erlitten hatten.
Obwohl auch ich Angst hatte, machte ich erste Schritte auf dieser neuen Unterlage, zaghaft, noch setzte ich ein Beinchen langsam vor das andere, immer in Erwartung des stechenden Schmerzes, der Berührung mit kaltem Metall...doch dieses Mal kam er nicht! Es war wunderschön und zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich so etwas wie Glück. Sollte das Bio sein, dieses Gefühl, welches meine Brust mit neuer Kraft erzittern ließ?



Kaum hatte ich mich jedoch an diesen neuen Gegebenheiten erfreut, drang aus dem gegenüberliegenden Raum lautes Geschnattere. Dort waren ebenfalls tausende Brüder und Schwestern untergebracht, allerdings waren diese schon viel größer als wir. Schnell erfuhren wir den Grund ihres Gekreisches - brutale Menschen griffen nach ihnen, Dutzende, zerrten sie mit aller Kraft in körperenge Kisten; ich konnte Beine brechen sehen, Flügel, konnte den ausufernden Wahnsinn spüren, welcher wie eine Welle der Gewalt durch die Nacht getragen wurde; ich wollte meine Ohren verschließen, so sehr quälten mich ihre Schreie, Schreie der Angst - Todesangst. Trotz Bio.
Sie wurden auf wartende LKW's verladen, aufeinander gestapelt wie Holz, Schicht auf Schicht, wie tote Materie. Nun waren sie erstarrt, ihre Stimme versagten angesichts des Geschehens. Dann fauchte der Lastwagen, wütend, seine Räder begannen sich langsam in den Asphalt der Straße zu fressen, eine stinkende Auspuffgas-Wolke zurück lassend; er fuhr los, irgend wo ins Nirgendwo. Ich weiß nicht, was mit ihnen geschah, aber es war sicher nichts gutes. Trotz Bio.

So hatten wir uns nur kurz erfreut an dem Stroh unter uns; seit unsere Brüder und Schwestern weg gebracht worden waren, wich jedes Glücksgefühl aus unserem Innern, machte Platz für etwas anders, jeder Tag von nun an sollte beherrscht von Furcht sein. Ja, und selbst das einst so wohltuende Weiche zu unseren Füßen sollte sich verwandeln, jeden Tag ein bisschen mehr, wurde langsam zu einer breiigen Maße, verfaulendes Etwas, gemischt mit dem Kot Tausender meiner Brüder und Schwestern. Ich wünschte mir so sehr Ruhe, nur einige wenige Minuten Stille, absolute Stille - und Finsternis. Statt dessen erlosch das Licht aus den Neonröhren niemals, Tag und Nacht sollte unser zu Hause in schmerzender Helligkeit erstrahlen, sollte uns kaum schlafen lassen, stressen, so dass wir ohne Unterlass aßen. Unsre Körper würden einst nach Gewicht bezahlt werden, so bestand unser Menü auch aus extrem mästenden Zusatzstoffen. Einige meiner Brüder und Schwestern, von Hoffnungslosigkeit getrieben, konnten dem nichts entgegensetzen, brachen unter der Last dieser Zwangsernährung zusammen, gaben sich auf; schmerzverzerrt, das Knochengerüst hielt nicht stand mit der irren Gewichtszunahme. Ausfallquote einberechnet, Gewinnmaximierung als Zauberwort. Trotz Bio.





Heute sollte ein besonderer Tag sein. Schon am frühen Morgen hatte mich eine innere Unruhe erfasst, wusste ich, etwas würde geschehen. Unruhig war ich gewesen, konnte kaum essen. Dann brach die Nacht herein. Gedankensplitter gingen durch meinen Kopf, ließen mich nicht zur Ruhe kommen; immer wieder sah ich meine Freunde vor mir, wie sie in Kisten gestopft fortgebracht werden würden. Quälende Gedanken, begleitet von Vorwürfen an den Schöpfer, der so etwas zugelassen hatte; was war mit ihm geschehen? Natürlich würde er auch uns lieben, wir sind Teil seiner Schöpfung! Er musste eingeschlafen sein, konnte so unser Elend nicht sehen, es gab keine andere Erklärung.

Da, ein Geräusch! Sie waren gekommen, gekommen uns zu holen, ganz gewiss! Und tatsächlich, zwei Männer betraten den Raum, ganz in schwarz gekleidet. Warum waren sie nur zu zweit? Wo waren all die anderen Arbeiter, warum lachten sie nicht, spuckten zu Boden, warfen glühende Zigarettenstummel achtlos zu Boden, leerten noch eine Flache Bier, bevor sie mit ihrem grausamen Handwerk begannen; warum erfreuten sich nicht am Leid und an der Pein der hilflos Ausgelieferten?
Doch für Fragen bleib nun keine Zeit - in panischer Angst flohen wir, wie eine einzige Masse von Federn und Flügeln, drängten uns in eine Ecke. Die Männer folgten uns, kamen genau auf mich zu! Ich wollt schreien, brachte jedoch keinen Laut hervor; ich wollte fliegen, meine Flügel konnten jedoch meinen gemästeten Körper nicht tragen. Und dann griffen sie nach mir; blitzschnell; packten mich, packten meinen Freund, und noch eine Freundin. Wir waren wie gelähmt vor Angst und Schmerz und Kummer. Die Männer drückten uns fest an sich, rannten los. Frische Nachluft presste sich hart in meine Lungen; ich sah zum Himmel, sah Sterne, wunderschön. Plötzlich war die Angst gewichen - ich würde sterben müssen, aber dieser eine Augenblick, als sich die Fenster des Himmels geöffnet hatten, Sterne wie funkelnde Tränen die Schwärze der Nacht durchdrangen, diesen einen Augenblick würde ich für immer in mein Herz brennen - er würde mich begleiten, wenn ich über die Regenbogenbrücke, von welche die Älteren in den Ställen immer gesprochen hatten, überqueren würde, würde mich trösten.

Doch diese Männer waren anders als die Arbeiter auf der Farm; ihre Stimmen klangen sanfter, ihre Hände waren weicher, ihre Augen gütiger. Bald erreichten wir ein wartendes Auto, eine lächelnde Frau schien auf mich zu warten, legte mich auf ihren Schoß, streichelte mein schmutziges Federkleid. Noch immer hoffte ich schnell zu sterben, doch irgend wie fühlte ich etwas ganz Neues in mir - eigentlich wollte ich leben. Zum ersten Mal in meinem Dasein - wollte ich leben! Irgend wie wusste ich, mit einem sicheren Instinkt, der nur uns Tieren zugedacht ist, alles wird gut! Ich würde Wasser sehen, Wasser spüren, in Wasser tauchen. Ich würde nie mehr Angst haben müssen, würde geliebt werden!
Ich würde niemals wieder zurück müssen auf diesen Hof, wo ich geboren wurde, gelitten haben, von Angst erfüllt war - trotz Bio.


Verein RespekTiere
Gitzenweg 3
5101 Bergheim
www.respekTiere.at
info@respektiere.at

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