Wie alles begann

Das Projekt Stadttauben Bielefeld begann vor mehr als 10 Jahren. Eine kleine, engagierte Gruppe schloss sich zusammen, um dem täglichen Leid der im Bielefelder Innenstadtbereich lebenden verwilderten Straßentauben einerseits die allernötigste medizinische Versorgung zukommen zu lassen, wo es möglich war, andererseits durch die Bereitstellung von artgerechtem Futter und Brutplätzen nach dem "Augsburger Modell" zu versuchen, die Population auf einen verträglichem Bestand gesunder Tiere zu reduzieren. Unser Tierschutzverein und die Stadt Bielefeld wurden hier Projektpartner.

Dazu wurde nach Absprache mit den Betreibern auf dem Dach eines Parkhauses an der Jöllenbecker Straße ein Taubenschlag installiert. In dem Schlag selbst konnten aufgrund der Größe nur eine begrenzte Anzahl Nistplätze zur Verfügung gestellt werden, weshalb sich der Effekt des Hauses auf die Population in Grenzen hielt. Außerdem lebten immens viele Tiere unter den zwei Bahnbrücken, die natürlich ihre angestammten Nistplätze nicht verließen. Dennoch verbrachte ein Großteil der Tauben nun ihre Zeit hauptsächlich in und um den Schlag, was zu einer deutlichen Entspannung der Situation auf dem Boden führte. Die Beschwerden durch Anwohner sowie Ladenbesitzer & -betreiber nahmen stark ab. 

Anfangs war der Schlag noch nicht umzäunt, doch die Lage des Parkhauses als zentraler, abgeschiedener Ort machte ihn nicht nur für Tauben attraktiv. Die Verschmutzungen auf dem Parkdeck und um den inzwischen liebevoll "Taubenhaus" genannten Schlag mit Spritzen und anderem Unrat, sowie ein Einbruch in die Hütte selbst, veranlassten die Gruppe, sich um einen abschließbaren Zaun zu bemühen. Als dann eine Strandbar auf dem Parkdeck eröffnete, war das "Taubenhaus" gezwungen, seinen ersten Umzug hinzunehmen. Der Schlag wurde etwa 100 Meter auf dem Parkdeck versetzt, doch selbst diese geringe Strecke erforderte für die Tiere eine längere Periode der Wiedereingewöhnung, bis sie sich darin wieder so sicher fühlten wie zuvor. Zerbrochene Flaschen und Gläser, Müll aller Arten sowie eine deutliche Zunahme des Verkehrs auf dem Parkdeck erschwerten die Situation der Tauben zusätzlich.

Nach einem Wechsel des Parkhausbetreibers begannen massive Renovierungsarbeiten an den Fassaden und den Innenbereichen des gesamten Parkhauses. Es wurde mit Hochdruck gereinigt, mit Hebebühnen gestrichen und allgemein großer Tumult veranstaltet, der sich als Vorbote des nahenden Unheils herausstellen sollte: Der neue Betreiber war unseren Bemühungen gegenüber weitaus weniger verständnisvoll als sein Vorgänger und bat, den Schlag vertragsgemäß innerhalb von 2 Wochen abzubauen. In großer Verzweiflung versuchten die Gruppenmitglieder  mit dem Veterinäramtsleiter dieses Schicksal abzuwenden und den Standort zu retten, an den sich die Tiere nun schon so lange hatten gewöhnen können. Es gab eine längere, mehrmonatige Aufschubfrist, doch letztlich führte leider kein Weg an einem Abbau vorbei. Schon sahen manche der Freiwilligen das Projekt kurz vor dem aus, als mit Müh' und Not dann doch noch mithilfe der Stadt ein Bauwagen und ein Standort organisiert werden konnten. Nach einigen Umbaumaßnahmen durch einige handwerklich tüchtige Freiwillige und Tierheim-Mitarbeiter konnte dann schließlich der neue "Taubenwagen" in Betrieb gehen. Doch die Tauben hatten noch eine harte Prüfung vor sich...


Die Vergrämung der Bahn-Brücken

Im Frühjahr 2015 wurde dann bekannt, dass die Bahnbrücken an der Jöllenbecker Straße und Arndtstraße "vergrämt", also von Tieren 'gereinigt' und für die Wiederverwendung unattraktiv gemacht werden sollten. Der Zeitpunkt dieser Maßnahme war denkbar schlecht gewählt, da er mitten in die Brutzeit fiel, weshalb die Gruppe sich nach Kräften für eine Terminverschiebung einsetzte; leider erfolglos.

So stiegen dann einige Freiwillige mit den Mitarbeitern der beauftragten Firma auf einem Hubsteiger in die Brücken und bargen dort die bereits geschlüpften Küken in verschiedensten Wachstumsstadien aus den Nestern, während die wütenden und traurigen Elterntiere sie mit aller Macht daran zu hindern versuchten. Über 140 Eier und mehr als 80 Küken wurden über Nacht zu Waisen, und die Küken mussten von engagierten Helfern mehrmals am Tag gefüttert und großgezogen werden. Eine logistische und emotionale Herausforderung in dieser Größenordnung war auch für die erfahrenen Mitglieder der Gruppe gänzlich neu und erforderte Unterstützung aus verschiedenen Städten und die Mobilisierung aller verfügbaren Ressourcen und Kräfte.

Die lückenhafte Planung der Vergrämung sorgte dann für weitere Probleme. Offenbar hatte man sich entschlossen, die Brücke zunächst von unten und erst anschließend von oben mit Netzen zu verschließen. Dies führte dazu, dass eine große Gruppe Tauben zwischen den beiden Netzbarrieren gefangen unter der Brücke festsaß. Mehrere Tauben verhedderten sich in den Netzen und verletzten sich dabei schwer, zwei erhängten sich oder verdursteten, weil sie nicht gut von der Straße aus zu entdecken waren. Nach mehreren Rettungseinsätzen wurde die Ungezieferbekämpfung-Firma schließlich aktiv und baute eine Klappe ein, die die Tauben nutzen sollten, um heraus zu gelangen. Nach mehreren Tagen hatte sich jedoch immer noch kein Tier mit diesem Mechanismus befreien können und erneut mussten die Freiwilligen zur Rettung einer verdurstenden Taube eilen.

Nachdem die Lösung der beauftragten Firma keine Entspannung der Lage erzielen konnte, wurden schließlich in Zusammenarbeit mit dem Veterinäramt Bielefeld unter Zuhilfenahme einiger Laubbläser die Tauben aus ihren Nischen gescheucht und die Löcher anschließend wieder verschlossen. Die Vergrämung ist bis zum heutigen Tage nicht lückenlos; noch immer sitzen Tauben hinter den Netzen, die offensichtlich durch Löcher oberhalb der Brücke dorthin gelangen. Zudem klafft unterhalb der Brücke in einem Netz ein metergroßes Loch, das die Firma bis heute nicht beseitigt hat, obwohl sie längst vom Auftraggeber Deutsche Bahn aufgefordert wurde. Durch diese Maßnahme haben schätzungsweise 200 bis 250 Tauben ihre Nistplätze verloren, wodurch die Anzahl Tauben, die bereits vorher um dem Ostwestfalen-Damm herum lebten und brüteten, noch um ein Vielfaches größer wurde. Der geschätzte Bedarf nach Brutplätzen übersteigt demnach die Kapazität des Taubenwagens, was eine Erweiterung um eine weitere ähnliche Konstruktion in naher Zukunft dringend erforderlich macht.

Anmerkung: Grundsätzlich bieten Vergrämungsmaßnahmen allein nie eine Lösung. Denn die Tauben können nicht in Wälder verdrängt werden und nur auf benachbarte Standorte ausweichen. Meist sind dies Balkone, Dachnischen oder Fenstersimse, wo Menschen sie eben nicht haben wollen. Daher muss man ihnen ein adäquates Ausweichquartier geboten werden, wenn man sie langfristig vergrämen möchte. So wie diesen umgebauten Bauwagen...